JBBL: Young Twisters ziehen in die A-Division ein

Man muss sich die Ausgangslage kurz auf der Zunge zergehen lassen: Die SG Junior Löwen Braunschweig zählen nach Meinung der Experten zu den vier besten Nachwuchsteams Deutschlands. Gespickt mit Nationalspielern, ein eigenes Trainingszentrum, hauptamtliche Trainer, dazu ein paar Königstransfers – und im Hintergrund ein gewisser Dennis Schröder, der das Ganze mitfinanziert. Auf der anderen Seite: die Young Twisters aus Rendsburg. Schöne Stadt, schöner Kanal, eher weniger NBA-Geld. Und trotzdem stand es am Ende 78:76. Für Rendsburg.

Ein Spiel wie ein Gummiband

Wer es ruhig mag, war an diesem Sonntag im Herdergymnasium falsch. Und das nicht nur wegen des Spiels: Die Zuschauer machten einen Lärm, als ginge es um die Meisterschaft, und Hallensprecher Dominik brüllte sein Team derart nach vorne, dass man sich zwischendurch fragte, ob er heimlich als sechster Mann gemeldet ist.

Auf dem Feld ging es entsprechend hin und her. Zehn Mal stand es unentschieden, sieben Mal wechselte die Führung, und keine Mannschaft kam jemals weiter als sieben Punkte weg. Zur Pause lagen die Gäste aus Braunschweig 41:38 vorn, im dritten Viertel drehten die Twisters mit 24 Punkten auf und gingen mit 62:58 in den Schlussabschnitt.

Dann aber nahm das Spiel scheinbar dieselbe Wendung wie am Mittag gegen RASTA Vechta. Braunschweig kam zurück, Punkt um Punkt, die Löwen rochen Blut, und auf der Tribüne begann bei manchem schon die stille Schadensbegrenzung.

6,9 Sekunden für die Ewigkeit

Dann kam Lorenz Pimi. 50 Sekunden vor Schluss lag Rendsburg 72:76 hinten, Pimi traf den Dreier zum 75:76. Kurz darauf wurde Jamal Rathke von Abdulrahman Elbanna gefoult und verwandelte einen seiner beiden Freiwürfe zum 76:76. Und dann noch einmal Pimi: Zehn Sekunden vor dem Ende legte er zum 78:76 nach. Braunschweig blieben noch 6,9 Sekunden. Kim Dänner stoppte Claas Stühff, der Ball landete bei Jamal Rathke, und der machte das einzig Logische: Er schleuderte ihn einfach Richtung Ostsee. Dann war Schluss.

Was folgte, war ein Kreischen wie bei einem Beatles-Konzert 1964. Die Halle explodierte, Dominik vermutlich auch. Es flossen Freudentränen – und zwar nicht nur bei den Spielermüttern. Augenzeugen berichten auch von feuchten Augen bei gestandenen Vätern, die das später selbstverständlich auf die trockene Hallenluft schieben werden.

Die Zahlen zum Wunder

Lorenz Pimi war mit 28 Punkten der Mann des Abends, fünf davon in der letzten Minute – unbezahlbar. Kim Dänner steuerte 19 Punkte bei, Max-Anton Rathje 13 (mit zwei Dreiern), Noah Koppelmann 8. Bemerkenswert auch die Disziplin: Rendsburg kassierte nur 11 Fouls, Braunschweig 19. Bei den Löwen glänzten Abdulrahman Elbanna (24), Felix Ratjen Gil (17) und Basiro Bah (14).

Kampf bis zum Krampf

Was dieses Spiel neben seinem Ende auszeichnete, war der Kampfgeist – und zwar buchstäblich bis in die Waden. Auf beiden Seiten gab es Krämpfe: bei Rendsburgs Topscorer Max Rathje und auf der Gegenseite ausgerechnet bei seinem Nationalmannschaftskollegen Nelson Oha. Kein Wunder, denn drei Spiele in zwei Tagen sind für junge Beine kein Kindergeburtstag, sondern eher ein Etappenrennen mit Korb. Dass trotzdem beide Teams bis zur letzten Sekunde auf die Zähne bissen, sagt viel über diese Mannschaften.

Ab in die A-Division

Der Sieg ist weit mehr als eine schöne Geschichte für den Stammtisch: Er bedeutet für das Team von Trainer Enver Huber und Martin Grütter die Qualifikation für die A-Division. In der Tabelle der Einteilungsrunde stehen die Twisters mit 2:1 Siegen auf Platz zwei hinter RASTA.

Und die Braunschweiger? Dass sie mit dem Modus hadern, ist verständlich. Denn neben Vechta und Rendsburg hätten eigentlich auch die Löwen den Einzug in die A-Division verdient gehabt – nur passen in diesem Modus eben keine drei Teams auf zwei Plätze. So gehen die Braunschweiger ihren Weg nun in der B-Division, mit Trainingszentrum, Nationalspielern und Königstransfers vermutlich ziemlich souverän. Wiedersehen wird man sich ganz sicher. Und Rendsburg wird dann ganz genau wissen, wie knapp das hier war.

Auch mit dem Austragungsort waren die Löwen nicht ganz glücklich. Vechta und Braunschweig liegen nah beieinander, und auch Göttingen liegt ein gutes Stück südlich der Elbe – warum also ausgerechnet Rendsburg? Ganz einfach: Weil die Rendsburger es organisiert bekommen haben. Mit der Halle am Herdergymnasium und einem Kiosk mit Vollverpflegung. Und mal ehrlich: Was nützt ein Trainingszentrum mit schönem Holzboden, wenn die vielen Zuschauer auf Holzbänken am Spielfeldrand sitzen müssen und die Verpflegung bestenfalls von der nächstgelegenen Tankstelle kommt, weil diese Locations nicht für diesen Rahmen vorgesehen sind? Die Twisters freuen sich nun auf spannende Spiele gegen Hamburg, Oldenburg und ähnliche Kaliber.